Lenken ohne mechanische Verbindung: Mercedes macht Steer-by-Wire serienreif

Die klassische Lenksäule gehört seit über hundert Jahren zu den grundlegenden Bestandteilen eines Automobils. Mercedes-Benz will dieses Prinzip nun aufbrechen: Mit der neuen Steer-by-Wire-Technologie bringt der Hersteller erstmals eine Serienlenkung ohne mechanische Verbindung zwischen Lenkrad und Vorderachse auf die Straße. Statt einer physischen Lenksäule übermitteln künftig Sensoren, Steuergeräte und Elektromotoren die Lenkbefehle des Fahrers.

Die Technologie gilt als einer der größten Umbrüche im Fahrzeugbau seit Einführung der Servolenkung – und könnte die Art, wie Autos konstruiert und gefahren werden, dauerhaft verändern.

Was bedeutet Steer-by-Wire überhaupt?

Bei einem klassischen Lenksystem ist das Lenkrad mechanisch über eine Lenksäule mit dem Lenkgetriebe verbunden. Dreht der Fahrer das Lenkrad, werden die Vorderräder direkt über diese Verbindung eingeschlagen.

Steer-by-Wire ersetzt genau diese mechanische Verbindung vollständig.

Stattdessen erfassen Sensoren jede Lenkbewegung elektronisch. Diese Signale werden in Echtzeit an Steuergeräte übertragen, welche Elektromotoren an der Vorderachse ansteuern. Die Räder schlagen also rein elektronisch entsprechend des Fahrerbefehls ein.

Ein künstlich erzeugtes Force-Feedback simuliert dabei den gewohnten Lenkwiderstand und vermittelt Rückmeldung über Fahrbahnzustand, Geschwindigkeit oder Dynamik.

Warum setzt Mercedes auf diese Technik?

Mercedes verfolgt mit Steer-by-Wire mehrere Ziele gleichzeitig. Zum einen soll das Fahrverhalten weiter optimiert werden, zum anderen eröffnet die Technologie völlig neue Möglichkeiten beim Fahrzeugdesign.

Die wichtigsten Vorteile:

Variabler Lenkwinkel je nach Situation

Das Übersetzungsverhältnis der Lenkung lässt sich softwaregesteuert anpassen.

Dadurch gilt:

  • Beim Einparken reichen deutlich kleinere Lenkradbewegungen
  • Auf der Autobahn wird die Lenkung indirekter und stabiler
  • In Kurven kann die Abstimmung sportlicher erfolgen

Ein Übergreifen beim Rangieren soll dadurch künftig nahezu entfallen.

Mehr Komfort durch neue Lenkradgeometrie

Da die mechanische Lenksäule entfällt, kann Mercedes ein stärker abgeflachtes oder nahezu yoke-artiges Lenkrad einsetzen.

Das bringt mehrere Vorteile:

  • bessere Sicht aufs Kombiinstrument
  • mehr Bewegungsfreiheit im Cockpit
  • vereinfachter Ein- und Ausstieg

Gerade im Hinblick auf zukünftige automatisierte Fahrfunktionen wird dieser Punkt immer wichtiger.

Wie sicher ist eine Lenkung ohne mechanische Notverbindung?

Diese Frage dürfte viele Fahrer als Erstes beschäftigen.

Mercedes betont, dass das System über eine mehrfache Redundanz verfügt. Dazu gehören unter anderem:

  • doppelte Sensorik im Lenkradmodul
  • redundante Steuergeräte
  • separate Stromversorgungssysteme
  • mehrfach abgesicherte Stellmotoren an der Lenkachse

Fällt ein Systemteil aus, übernimmt ein paralleles Backup-System dessen Funktion.

Eine mechanische Notverbindung wie bei früheren Konzeptfahrzeugen gibt es bewusst nicht mehr.

Mercedes verweist darauf, dass moderne Luftfahrt- und Bahnsysteme bereits seit Jahren auf vergleichbare redundante By-Wire-Systeme setzen.

Welche Vorteile bietet Steer-by-Wire im Fahralltag?

Im Alltag dürfte sich die neue Technik vor allem durch ein verändertes Lenkgefühl bemerkbar machen.

Rangieren und Stadtverkehr

Hier profitiert der Fahrer von einer deutlich direkteren Abstimmung. Volle Lenkeinschläge sind bereits mit kleinen Bewegungen möglich.

Autobahn

Bei hohem Tempo kann die Lenkung künstlich beruhigt werden. Kleine Lenkradbewegungen führen dann nicht sofort zu starken Richtungsänderungen.

Schlechte Straßen

Da keine starre mechanische Verbindung mehr besteht, können Schläge und Vibrationen aus der Fahrbahn besser herausgefiltert werden.

Das steigert den Federungs- und Lenkkomfort spürbar.

Gibt es auch Nachteile?

Trotz aller Vorteile ist Steer-by-Wire nicht frei von Kritik.

Weniger „echtes“ Fahrgefühl

Puristen bemängeln bereits heute bei elektrischen Servolenkungen ein teilweise synthetisches Lenkgefühl. Bei einem vollständig elektronischen System dürfte dieser Effekt noch stärker wahrnehmbar sein.

Höhere Systemkomplexität

Mehr Sensorik, mehr Steuergeräte und mehr Software bedeuten:

  • höhere technische Komplexität
  • potenziell höhere Reparaturkosten
  • größere Anforderungen an Cybersecurity und Software-Updates

Warum ist diese Technik für die Zukunft so wichtig?

Steer-by-Wire ist weit mehr als nur eine neue Lenkung. Die Technologie gilt als Schlüsselbaustein für kommende Fahrzeuggenerationen.

Sie ermöglicht unter anderem:

  • flexiblere Innenraumkonzepte
  • neue Lenkradformen
  • automatisiert wegklappbare Lenkräder
  • bessere Integration autonomer Fahrfunktionen
  • effizientere Crash-Strukturen im Frontbereich

Kurz gesagt: Ohne Steer-by-Wire lassen sich viele zukünftige Fahrzeugkonzepte kaum realisieren.

Wann kommt das System auf die Straße?

Mercedes plant den ersten Serieneinsatz ab 2026 in ausgewählten Luxus- und Elektrofahrzeugen der Marke. Als wahrscheinlicher Technologieträger gilt die nächste Generation der Oberklasse rund um die elektrische EQS-Plattform.

Damit wäre Mercedes einer der ersten europäischen Hersteller, der eine vollständig mechanikfreie Serienlenkung in Großserie anbietet.

Ein Technologiesprung mit Signalwirkung

Steer-by-Wire markiert einen tiefgreifenden Wandel in der Fahrzeugtechnik. Was zunächst futuristisch klingt, dürfte in den kommenden Jahren schrittweise zum neuen Standard werden – ähnlich wie einst ABS, ESP oder elektrische Servolenkungen.

Mercedes wagt mit der Einführung einen technologischen Schritt, der das klassische Automobil grundlegend verändert. Ob Fahrer die neue Art des Lenkens akzeptieren, wird letztlich jedoch erst die Praxis zeigen.

Fotos ©️ by Mercedes-Benz